Kolbenfresser – wie entsteht er und was verrät das Schadensbild? - Motorensachverständiger, Motorengutachter, Motorschaden Sachverständiger, Motorschaden Gutachter

Ingenieurbüro für Verbrennungsmotoren GmbH

öffentlich bestellter und vereidigter Motorensachverständiger-Dipl. - Ing. (FH) Jörg Schulz

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Kolbenfresser – wie entsteht er und was verrät das Schadensbild?

Fachbeitrag von Dipl.-Ing. (FH) Jörg Schulz – Sachverständiger für Motorenschäden
 
Wenn Kolben und Zylinderlaufbahn ihre Funktion verlieren

Ein sogenannter Kolbenfresser gehört zu den markanten mechanischen Motorschäden. Im Extremfall kann ein solcher Schaden zum vollständigen Ausfall des Motors führen.
Der Begriff wird im Alltag allerdings häufig sehr allgemein verwendet. Ein Kolben, der im Zylinder festgeht, beschreibt zunächst lediglich das Schadensereignis. Die entscheidende Frage ist:
Warum konnte der Kolben im Zylinder nicht mehr frei laufen?

Mögliche Ursachen sind unter anderem:

  • unzureichende  Schmierung
  • Überhitzung
  • falsches Kolbenspiel
  • thermische Überbeanspruchung
  • Fehler an der Kolbenkühlung
  • beschädigte oder gebrochene Kolbenringe
  • Fremdkörper
  • Montagefehler
  • falsche Bauteilabmessungen
  • Material-  oder Fertigungsfehler
  • außergewöhnliche Betriebsbedingungen

Für die sachverständige Untersuchung ist deshalb nicht allein der festgefressene Kolben von Bedeutung.
 
Das Schadensbild kann wichtige Hinweise darauf geben, wie und unter welchen Bedingungen der Schaden entstanden ist.

 
1. Was ist ein Kolbenfresser?
Der Kolben bewegt sich im Motor mit hoher Geschwindigkeit innerhalb der Zylinderlaufbahn.
 
Zwischen Kolben und Zylinderwand besteht konstruktiv ein definiertes Laufspiel. Gleichzeitig sorgt das Motoröl dafür, dass die Kontaktflächen ausreichend geschmiert werden.
 
Bei einem Kolbenfresser kommt es zu einer erheblichen Beeinträchtigung dieser Relativbewegung.

Der Kolben kann sich dabei

  • schwer bewegen,
  • teilweise festsetzen oder
  • vollständig  im Zylinder blockieren.

In vielen Fällen kommt es zuvor zu einem intensiven metallischen Kontakt zwischen Kolben und Zylinderlaufbahn.
 
Dabei können sogenannte Fressspuren entstehen.

 
2. Wie funktioniert die Kolbenschmierung?
Der Kolben läuft nicht einfach „trocken“ in der Zylinderlaufbahn.
Für die Schmierung spielen verschiedene Ölquellen und konstruktive Maßnahmen eine Rolle.
Motoröl gelangt beispielsweise durch:

  • Ölnebel,
  • Spritzöl,
  • Ölaustritt an Lagerstellen,
  • Kolbenbodenkühlung
 
in den Bereich des Kolbens und der Zylinderlaufbahn.

Die Kolbenringe übernehmen zusätzlich wichtige Aufgaben bei der
     
  • Abdichtung des Brennraums,
  • Regulierung  des Ölfilms,
  • Ableitung von Wärme.
 
Das Zusammenspiel dieser Komponenten ist für die Funktion des Motors entscheidend.

 
3. Das richtige Kolbenspiel ist entscheidend
Der Kolben darf nicht zu eng, aber auch nicht beliebig weit in der Zylinderlaufbahn geführt werden.
 
Das konstruktiv vorgesehene Spiel berücksichtigt unter anderem:

  • Wärmeausdehnung des Kolbens
  • Wärmeausdehnung des Zylinders
  • Kolbengeometrie
  • Werkstoffe
  • Betriebstemperatur
  • Belastung

Wird das Laufspiel zu klein, kann sich der Kolben bei steigender Temperatur stärker ausdehnen als vorgesehen.
 
Ein möglicher Schadensablauf lautet:

zu geringes Laufspiel
Temperaturanstieg
thermische Ausdehnung des Kolbens
Verringerung des Laufspiels
verstärkter Kontakt mit der Zylinderwand
Fressen
Kolbenklemmer bzw. Kolbenfresser

 
4. Überhitzung als mögliche Ursache
Eine erhöhte thermische Belastung kann die Entstehung eines Kolbenfressers begünstigen.
Mögliche Ursachen einer Überhitzung können sein:

  • Kühlmittelmangel
  • Kühlmittelverlust
  • defekte Wasserpumpe
  • Thermostatprobleme
  • Kühlerprobleme
  • gestörter Kühlmittelkreislauf
  • unzureichende  Wärmeabfuhr
  • hohe  thermische Motorbelastung
 
Auch Verbrennungsprobleme können zu erhöhten Temperaturen im Brennraum führen.
 
Die Frage lautet deshalb:
 
Warum wurde der Kolben zu heiß?
 
Die bloße Feststellung eines thermisch geschädigten Kolbens beantwortet diese Frage noch nicht.

 
5. Schmierungsmangel als Ursache
Eine weitere mögliche Ursache ist eine unzureichende Schmierung.
 
Bei fehlender oder stark reduzierter Schmierung kann der Ölfilm zwischen Kolben und Zylinderlaufbahn beeinträchtigt werden.
 
Dadurch kann der direkte Kontakt zwischen den Oberflächen zunehmen.
 
Mögliche Folgen:

Schmierfilm wird instabil
Reibung steigt
Temperatur steigt
Material wird übertragen
Laufspiel verändert sich
Kolben beginnt zu fressen
 
Dabei können sich die Schadensbedingungen sehr schnell verschärfen.

 
6. Nicht jeder Kolbenfresser ist ein Ölmangelschaden
Eine wichtige sachverständige Unterscheidung:
 
Kolbenfresser ≠ automatisch Ölmangel.
 
Auch ein Kolbenfresser, bei dem deutliche Fressspuren vorhanden sind, kann verschiedene Ursachen haben.

Beispielsweise können:

  • falsches Kolbenspiel,
  • thermische  Überlastung,
  • Montagefehler,
  • Materialfehler,
  • Probleme mit der Kolbenkühlung
 
zu einem vergleichbaren Endschaden führen.

 
Das Schadensbild muss deshalb differenziert betrachtet werden.

 
7. Was verraten Fressspuren?
Fressspuren sind für die Schadensanalyse besonders interessant.
 
Dabei können beispielsweise Bereiche mit

  • Materialübertragung,
  • Riefen,
  • Aufschmierungen,
  • Glanzstellen,
  • Verfärbungen
 
sichtbar werden.

 
Auch die Position der Spuren ist von Bedeutung.

Es kann beispielsweise untersucht werden:

  • Sind die Spuren nur auf einer Seite vorhanden?
  • Sind sie über die gesamte Kolbenhöhe verteilt?
  • Sind sie hauptsächlich im Bereich des Kolbenhemdes vorhanden?
  • Gibt es Spuren auf der Druck- oder Gegendruckseite?
  • Sind mehrere Zylinder betroffen
 
Das Muster kann Hinweise auf den Schadensmechanismus liefern.

 
8. Warum die Druck- und Gegendruckseite interessant sind
Der Kolben wird während des Arbeitsspiels durch die auf ihn wirkenden Kräfte gegen die Zylinderwand gedrückt.
Dabei entstehen unterschiedliche Belastungen an verschiedenen Seiten des Kolbens.
Die Verteilung von Lauf- und Fressspuren kann deshalb wichtige Informationen liefern.
r sachverständigen Untersuchung kann beispielsweise betrachtet werden:
 
Wo beginnt die Schädigung?
und:
Wie verteilt sie sich über den Kolben?
 
Diese Informationen können bei der Unterscheidung verschiedener Schadensursachen hilfreich sein.

 
9. Einseitige Fressspuren
Sind Fressspuren überwiegend auf einer bestimmten Kolbenseite vorhanden, muss untersucht werden, warum gerade dort eine erhöhte Belastung aufgetreten ist.
 
Mögliche Fragestellungen sind
 
  • War das Kolbenspiel korrekt?
  • War die Kolbengeometrie korrekt?
  • Gab es eine lokale Überhitzung?
  • War der Kolben verkantet?
  • Bestand eine ungewöhnliche mechanische Belastung?
  • Gibt es Hinweise auf Montagefehler?

Eine einseitige Schädigung kann daher wichtige Hinweise auf den Schadensmechanismus geben.


10. Kolbenfresser durch falsches Kolbenspiel
Bei einer Motorüberholung werden Kolben und Zylinder unter Umständen neu bearbeitet oder vermessen.
Dabei muss das vorgesehene Laufspiel eingehalten werden.
Ist das Spiel zu klein, kann die thermische Ausdehnung des Kolbens problematisch werden.
 
Ein möglicher Ablauf:
 
Montage mit zu geringem Laufspiel
Motor erreicht Betriebstemperatur
Kolben dehnt sich aus
Laufspiel wird zu gering
Reibung steigt
Fressvorgang
Kolbenfresser

Hier kann eine Vermessung von Kolben und Zylinder entscheidende Informationen liefern.

11. Kolbenkühlung und Ölversorgung
Viele moderne Motoren verwenden eine gezielte Kolbenbodenkühlung.
Dabei wird Motoröl unter bestimmten Bedingungen gegen die Unterseite des Kolbens gespritzt.
Diese Kühlung kann zur Begrenzung der Kolbentemperatur beitragen.
Eine Beeinträchtigung der Ölversorgung kann deshalb nicht nur die Schmierung, sondern auch die thermische Belastung des Kolbens beeinflussen.
Bei einem entsprechenden Schadensbild sollte daher untersucht werden, ob die Kolbenkühlung ordnungsgemäß funktionieren konnte
 
 
12. Kolbenringprobleme als mögliche Ursache
Kolbenringe haben mehrere Funktionen.

Sie dienen unter anderem der
 
  • Abdichtung des Brennraums,
  • Kontroll des Ölfilms,
  • Wärmeübertragung.
 
Beschädigte, verkokte oder festgesetzte Kolbenringe können diese Funktionen beeinträchtigen.
 
Mögliche Folgen sind:
 
  • erhöhter Ölverbrauch
  • schlechte Abdichtung
  • Blow-by
  • veränderte thermische Belastung
  • Ablagerungen
  • weitere Kolbenschäden
 
Auch hier ist die Frage wichtig:
 
Was war zuerst – Kolbenringschaden oder Kolbenfresser?

 
13. Fremdkörper und mechanische Beschädigungen
Fremdkörper im Brennraum oder Schmierkreislauf können ebenfalls Schäden verursachen.
 
Mögliche Fremdkörper sind beispielsweise:

  • Metallpartikel
  • gebrochene Bauteile
  • Ablagerungen
  • Materialreste
 
Solche Partikel können Kratzer und Riefen verursachen.
 
Bei der Untersuchung muss deshalb zwischen
 
Fremdkörper → Beschädigung
und
Beschädigung → Materialabrieb → Fremdkörper
unterschieden werden.
Auch hier ist die zeitliche Abfolge entscheidend.

 
14. Detonation und unkontrollierte Verbrennung
Nicht nur die mechanische Führung des Kolbens kann zu einem Schaden führen.
 
Auch ungewöhnliche Verbrennungsvorgänge können die thermische und mechanische Belastung erheblich erhöhen.
 
Dazu gehören beispielsweise bestimmte Formen von

  • Klopfen
  • Vorentflammung
  • unkontrollierter Verbrennung
 
Solche Vorgänge können zu außergewöhnlich hohen Temperaturen und Belastungen führen.
 
Mögliche Folgen können Schäden an
     
  • Kolbenboden
  • Kolbenringen
  • Kolbenbolzen
  • Zylinderkopf
  • Ventilen

sein.

Das Schadensbild muss deshalb auch hinsichtlich möglicher Verbrennungsursachen untersucht werden.

 
15. Kolbenbodenschaden und Kolbenfresser sind nicht dasselbe
Ein beschädigter Kolbenboden bedeutet nicht automatisch, dass ein Kolbenfresser vorliegt.
 
Ein Kolbenboden kann beispielsweise durch

  • thermische Überlastung,
  • Verbrennungsprobleme,
  • Fremdkörper,
  • Materialfehler
 
beschädigt werden.

Ein Kolbenfresser betrifft dagegen insbesondere die Gleitbewegung zwischen Kolben und Zylinderlaufbahn.
Beide Schadensarten können allerdings gemeinsam auftreten.

 
16. Schäden an der Zylinderlaufbahn
Bei einem Kolbenfresser ist nicht nur der Kolben interessant.
Auch die Zylinderlaufbahn muss detailliert untersucht werden.

Mögliche Merkmale sind:

  • Längsriefen
  • Fressspuren
  • Materialübertragung
  • Laufspuren
  • lokale  Verfärbungen
  • Beschädigung der Honstruktur
  • Materialauftrag

Die Richtung und Verteilung dieser Spuren können Hinweise auf die Schadensentwicklung geben.

 
17. Was bedeutet eine zerstörte Honstruktur?
Die Zylinderlaufbahn besitzt häufig eine definierte Oberflächenstruktur, die unter anderem für die Speicherung und Verteilung des Schmieröls relevant ist.
Wird diese Struktur durch einen Fressvorgang stark beschädigt, kann die ursprüngliche Oberflächenbeschaffenheit nicht mehr ohne Weiteres beurteilt werden.
Bei der Untersuchung kann deshalb relevant sein:
War die Oberfläche bereits vor dem Schaden auffällig oder wurde sie erst durch den Fressvorgang verändert?

 
18. Ein Kolbenfresser kann auch Folge eines anderen Motorschadens sein
Ein wichtiger Punkt bei der Schadensanalyse:
Der Kolbenfresser muss nicht zwangsläufig der ursprüngliche Motorschaden sein.
Beispielsweise kann ein anderes Problem zunächst zu einer starken thermischen Belastung führen.
Danach kann der Kolben fressen.
Der Kolbenfresser wäre dann ein Folgeschaden.

Eine mögliche Wirkungskette könnte lauten:

Kühlmittelverlust
Überhitzung
erhöhte Kolbentemperatur
Verlust des erforderlichen Laufspiels
Kolbenfresser
 
Hier wäre der Kolbenfresser nicht die ursprüngliche Ursache.

 
19. Kolbenfresser als Folge eines Schmierungsschadens
Auch ein Schmierungsschaden kann sich auf die Kolben-Zylinder-Gruppe auswirken.
 
Beispielsweise:

Ölmangel
Beeinträchtigte Schmierung
erhöhte Reibung
thermische Belastung
Kolben-/Zylinderbeschädigung
Kolbenfresser

Ob dieser Ablauf tatsächlich vorliegt, muss anhand des Schadensbildes überprüft werden.

 
20. Mehrere beschädigte Zylinder sind besonders interessant
Bei einem Motor mit mehreren Zylindern ist die Verteilung der Schäden ein wichtiger Untersuchungsaspekt.

Es kann einen erheblichen Unterschied machen, ob

  • nur ein Zylinder,
  • zwei  Zylinder oder
  • nahezu alle Zylinder

ähnliche Schadensbilder aufweisen.

Sind mehrere Zylinder in vergleichbarer Weise betroffen, kann dies auf eine systematische Ursache hindeuten.
Bei einem einzelnen betroffenen Zylinder muss dagegen auch nach lokalen Ursachen gesucht werden.

 
21. Ein einzelner Kolbenfresser
Wenn nur ein Zylinder betroffen ist, können beispielsweise folgende Ursachen untersucht werden:
     
  • lokales Schmierungsproblem
  • lokales Kühlungsproblem
  • Bauteilfehler
  • falsches Kolbenspiel
  • Montagefehler
  • Fremdkörper
  • lokale Überhitzung
 
Die genaue Position der Schäden kann dabei besonders aufschlussreich sein.

 
22. Kolbenfresser nach einer Motorüberholung
Ein Kolbenfresser kurz nach einer Motorüberholung wirft zusätzliche Fragen auf.

Zu untersuchen sind beispielsweise:

  • wurden die Zylinder korrekt bearbeitet?
  • wurde die Kolben korrekt vermessen?
  • wurde das Laufspiel eingehalten?
  • wurden die richtigen Kolben verwendet?
  • wurden Kolbenringe korrekt montiert?
  • wurde die Honung fachgerecht ausgeführt?
  • wurden die Montagevorgaben eingehalten?
  • wurde das Einfahrverfahren berücksichtigt?

Bei einem entsprechenden Streitfall kann eine genaue Vermessung der Bauteile besonders wichtig sein.

 
23. Kolbenfresser nach einem neuen Motor oder Austauschmotor
Auch bei einem Austauschmotor kann ein später auftretender Kolbenfresser zu einer komplexen Ursachenfrage führen.
 
Zu unterscheiden sind beispielsweise:

  • Bauteilfehler
  • Montagefehler
  • Betriebsfehler
  • Vorschaden
  • unzureichende Schmierung
  • thermische Überlastung
 
Die zeitliche Nähe zum Einbau eines Austauschmotors allein beweist keine bestimmte Ursache.

 
24. Welche Messungen können erforderlich sein?
Bei einer detaillierten Untersuchung können unter anderem folgende Messungen sinnvoll sein:

  • Kolbendurchmesser
  • Zylinderbohrung
  • Zylinderform
  • Zylinderkonizität
  • Laufspiel
  • Kolbenringstoß
  • Ebenheit relevanter Flächen
  • Bauteilmaße
  • Oberflächenzustand

Die konkreten Messgrößen richten sich nach Motor und Fragestellung.
Besonders wichtig ist der Vergleich mit den Hersteller-Sollwerten und Toleranzen.

 
25. Warum Fotos allein manchmal nicht ausreichen
Fotografische Dokumentation ist für die Schadensanalyse sehr wichtig.
Ein Foto kann beispielsweise Fressspuren oder Riefen dokumentieren.
 
Es beantwortet jedoch nicht automatisch Fragen wie:

  • Wie groß war das Laufspiel?
  • War der Zylinder konisch?
  • War der Kolben maßhaltig?
  • Wie war die Oberflächenrauheit?
  • War die Montage korrekt?
 
Bei technischen Streitfällen können deshalb zusätzliche Messungen und Untersuchungen erforderlich sein.

 
26. Die zeitliche Entwicklung des Schadens
Ein Kolbenfresser kann sich unter Umständen über längere Zeit entwickeln oder sehr kurzfristig eintreten.
 
Hinweise können beispielsweise sein:

  • zunehmender Ölverbrauch
  • zunehmender Blow-by
  • ungewöhnliche Geräusche
  • Leistungsverlust
  • steigender Ölverbrauch
  • Kompressionsverlust
  • erhöhter Abgasrauch

Solche Symptome können Hinweise auf einen bereits vorher bestehenden Prozess liefern.

 
27. Kompressionsverlust und Kolbenfresser
Ein beschädigter Kolben oder beschädigte Kolbenringe können die Abdichtung des Brennraums beeinträchtigen.
Eine Kompressionsprüfung kann deshalb zusätzliche Hinweise liefern.
Allerdings gilt auch hier:
Ein niedriger Kompressionsdruck beweist nicht automatisch die Ursache des Kolbenschadens.
Die Messergebnisse müssen mit den mechanischen Befunden abgeglichen werden.

 
28. Endoskopische Untersuchung
Eine Endoskopie kann eine zerstörungsarme Möglichkeit darstellen, einen Motor bzw. Brennraum vor einer vollständigen Zerlegung zu untersuchen.
 

Damit können beispielsweise sichtbar werden:

  • Kolbenboden
  • Zylinderlaufbahn
  • Fremdkörper
  • Ventilschäden
  • Verbrennungsrückstände
  • auffällige Laufspuren
 
Bei einem Verdacht auf einen Kolbenschaden kann dies eine wertvolle Ergänzung zur weiteren Untersuchung sein.

 
29. Beweissicherung vor der Zerlegung
 
Bei einem streitigen Motorschaden sollte der ursprüngliche Zustand möglichst umfassend dokumentiert werden.
 
Dazu können gehören:
     
  • Ölstand
  • Kühlmittelstand
  • Fehlerspeicher
  • Motorgeräusche
  • äußere Beschädigungen
  • Fotos
  • Endoskopiebilder
  • Kompressionswerte
  • Zustand der Betriebsstoffe

Erst danach sollte – soweit möglich – die weitere Zerlegung erfolgen.

 
30. Ursache oder Folge? – Die entscheidende sachverständige Frage
 
Bei einem Kolbenfresser sollte nicht vorschnell von einem bestimmten Schadensbild auf eine bestimmte Ursache geschlossen werden.
 
Ein Beispiel:
 
Kolben weist Fressspuren auf.

Mögliche Erklärungen

A) Ölmangel → Schmierungsproblem → Fress
B) Überhitzung → thermische Ausdehnung → Fress
C) zu geringes Laufspiel → thermisches Klemmen → Fress
D) Montagefehler → falsche Geometrie → Fress
E) Material-/Bauteilfehler → lokale Schädigung → Fress
F) anderer Primärschaden → Überhitzung → Kolbenfresser als Folgeschaden

Die Aufgabe des Sachverständigen besteht darin, diese Möglichkeiten anhand der technischen Befunde einzugrenzen.

 
31. Was sollte ein Sachverständigengutachten beantworten?

 Bei einem Kolbenfresser können insbesondere folgende Fragen relevant sein:

  1. Welche Zylinder sind betroffen?
  2. Welche Kolben sind beschädigt?
  3. Wie sieht das Schadensbild aus?
  4. Wo befinden sich die Fressspuren?
  5. Welche  Bereiche des Kolbens sind betroffen?
  6. Wie sieht die Zylinderlaufbahn aus
  7. Ist die Schmierung ausreichend gewesen?
  8. Gab es einen Ölmangel oder Öldruckmangel?
  9. War das Laufspiel korrekt?
  10. War die Kühlung ausreichend?
  11. Gibt es Hinweise auf Verbrennungsprobleme?
  12. Gibt es Hinweise auf Montagefehler?
  13. Gibt es Hinweise auf Material- oder Fertigungsfehler?
  14. Welche Bauteile waren zuerst geschädigt?
  15. Welche Schäden sind Folgeschäden?
  16. Welche  Alternativursachen kommen infrage?
  17. Lässt sich die Ursache technisch nachvollziehbar bestimmen?
 
 
32. Der Kolben als „Spurenträger“
 
Ein beschädigter Kolben kann zahlreiche Informationen über die Entstehung eines Motorschadens enthalten.
 
Von Interesse sind unter anderem:

  • Fressspuren
  • Riefen
  • Materialübertragungen
  • Verfärbungen
  • Kolbenringnuten
  • Kolbenringzustand
  • Kolbenboden
  • Kolbenhemd
  • Bolzenbereich
 
Auch die Verteilung dieser Merkmale kann Hinweise auf den Schadensablauf liefern.
 
Deshalb sollte ein beschädigter Kolben nicht einfach als „defekt“ ausgetauscht und entsorgt werden.
 
Er kann ein wesentliches Beweismittel für die Ursachenanalyse darstellen.


Fazit
 
Ein Kolbenfresser ist nicht automatisch gleichbedeutend mit Ölmangel.
Das Schadensbild kann vielmehr verschiedene Ursachen haben. Dazu zählen insbesondere
Schmierungsprobleme, Überhitzung, falsches Laufspiel, Montagefehler, Probleme der Kolbenkühlung, Verbrennungsstörungen sowie Material- und Fertigungsfehler.
Für die sachverständige Untersuchung ist deshalb die Rekonstruktion des Schadensablaufs entscheidend.

Besonders wichtig sind:
 
Kolben + Zylinderlaufbahn + Kolbenspiel + Schmierung + Kühlung + Verbrennung + Vorgeschichte
Erst die gemeinsame Betrachtung dieser Faktoren ermöglicht eine belastbare technische Bewertung.Die entscheidende Frage lautet daher nicht:
 
„Ist der Kolben festgegangen?“
 
sondern:
 
„Welcher technische Vorgang hat dazu geführt, dass der Kolben seine vorgesehene Beweglichkeit verloren hat?“
 
Gerade bei Streitigkeiten über Reparaturfehler, Wartungsmängel, Gewährleistung oder Versicherungsfälle kann die genaue Analyse des Schadensbildes entscheidende Hinweise auf die tatsächliche Ursache liefern.
Sachverständige Untersuchung von Kolben- und Motorschäde
Bei einem Kolbenfresser sollte der beschädigte Motor möglichst frühzeitig fachgerecht dokumentiert werden.
Insbesondere vor einer Reinigung, Reparatur oder Zerlegung können wichtige technische Spuren gesichert werden.
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