Kolbenfresser – wie entsteht er und was verrät das Schadensbild? - Motorensachverständiger, Motorengutachter, Motorschaden Sachverständiger, Motorschaden Gutachter

Ingenieurbüro für Verbrennungsmotoren GmbH

öffentlich bestellter und vereidigter Motorensachverständiger-Dipl. - Ing. (FH) Jörg Schulz

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Motor überholt und trotzdem Motorschaden – wie wird die Qualität einer Motorüberholung beurteilt?

Fachbeitrag von Dipl.-Ing. (FH) Jörg Schulz – Sachverständiger für Motorenschäden

Wenn der überholte Motor erneut ausfällt

Eine Motorüberholung ist technisch aufwendig und mit erheblichen Kosten verbunden. Umso größer ist die Enttäuschung, wenn ein überholter Motor bereits nach kurzer Laufleistung erneut Probleme bereitet oder sogar einen schweren Motorschaden erleidet.
Dann stellen sich für den Fahrzeughalter, die Werkstatt oder den Auftraggeber wichtige Fragen:

Wurde der Motor tatsächlich fachgerecht überholt?
Wurden alle erforderlichen Arbeiten durchgeführt?
Wurden die richtigen Ersatzteile verwendet?
Wurden die vorgeschriebenen Maße und Toleranzen eingehalten?
 
Und vor allem:

Steht der spätere Motorschaden in einem technischen Zusammenhang mit der Motorüberholung?
 
Die Beantwortung dieser Fragen erfordert häufig eine detaillierte technische Untersuchung.
Dabei reicht es nicht aus, lediglich den erneuten Motorschaden festzustellen.
Es muss vielmehr geprüft werden, welche Arbeiten bei der Motorüberholung durchgeführt wurden, in welchem technischen Zustand sich die Bauteile befanden und ob die ausgeführten Arbeiten den technischen Anforderungen entsprachen.
 

1. Was bedeutet überhaupt „Motorüberholung“?
Der Begriff Motorüberholung ist im Alltag nicht immer eindeutig definiert.
 
Unter einer Motorüberholung können – abhängig vom Umfang – sehr unterschiedliche Arbeiten verstanden werden.
 
Beispielsweise können durchgeführt werden:

  • vollständige Demontage des  Motors
  • Reinigung der Bauteile
  • Vermessun
  • Bearbeitung der Zylinder
  • Honen
  • Schleifen der Kurbelwelle
  • Erneuerung der Kolben
  • Erneuerung der Kolbenringe
  • Erneuerung der Hauptlager
  • Erneuerung der Pleuellager
  • Erneuerung von Dichtungen
  • Überarbeitung des  Zylinderkopfes
  • Erneuerung von Ventilen
  • Erneuerung der Steuerkette
  • Erneuerung der Ölpumpe
  • Prüfung des Kühlsystems
 
Eine sogenannte „Motorüberholung“ kann daher einen sehr unterschiedlichen technischen Umfang haben.
Für die sachverständige Bewertung muss zunächst geklärt werden:

Welche Arbeiten wurden tatsächlich beauftragt und durchgeführt?
 
 
2. Eine Motorüberholung ist mehr als der Austausch einzelner Teile
 
Ein häufiger Irrtum besteht darin, eine Motorüberholung lediglich als Austausch verschlissener Bauteile zu betrachten.
 
Ein Beispiel:
Ein Motor erhält neue Kolben und neue Lager.
Damit ist noch nicht automatisch sichergestellt, dass der Motor fachgerecht überholt wurde.
 
Entscheidend ist beispielsweise auch:

  • Sind die Zylinder maßhaltig?
  • Wurde das richtige Laufspiel  hergestellt?
  • Sind die Lagerluft und  Kurbelwellenmaße korrekt?
  • Wurden die Ölkanäle gereinigt?
  • Wurde die Kurbelwelle geprüft?
  • Wurde der Zylinderkopf korrekt bearbeitet?
  • Wurde der Steuertrieb richtig eingestellt?

Die Qualität einer Motorüberholung hängt deshalb vom gesamten technischen Prozess ab.
 
 
3. Der erste Schritt: Dokumentation des Ausgangszustands
Für eine hochwertige Motorüberholung ist die Dokumentation des Ausgangszustands von großer Bedeutung.
Vor der Demontage sollten – soweit möglich – relevante Befunde dokumentiert werden.
 
Dazu können gehören:

  • Laufleistung
  • Kompressionswerte
  • Öldruck
  • Ölverbrauch
  • Fehlerspeicher
  • Motorgeräusche
  • Zustand des Motoröls
  • Kühlmittelzustand
  • sichtbare Schäden
  • Endoskopiebefunde

Diese Informationen können später wichtig sein, um den Zustand vor der Überholung mit dem Zustand nach der Überholung zu vergleichen.
 

4. Vermessung statt bloßer Sichtprüfung
Eine wesentliche Grundlage einer Motorüberholung ist die technische Vermessung.
Ein Bauteil kann äußerlich unauffällig aussehen und dennoch außerhalb der zulässigen Toleranzen liegen.
 
Beispiele sind:

  • Zylinderbohrung
  • Kolbendurchmesser
  • Kurbelwellenzapfen
  • Lagerdurchmesser
  • Lagerluft
  • Kolbenringstoß
  • Zylinderkonizität
  • Zylinderovalität
  • Planheit von Dichtflächen

Deshalb gilt:

Eine fachgerechte Motorüberholung erfordert bei den relevanten Bauteilen eine Prüfung von Maßhaltigkeit und Toleranzen.
 
 
5. Die Zylinderbearbeitung
Bei einer Motorüberholung können die Zylinder je nach Zustand bearbeitet werden.
 
Mögliche Arbeiten sind beispielsweise:

  • Honen
  • Aufbohren
  • Nachbearbeitung
  • Herstellung einer definierten Oberflächenstruktur

Dabei müssen die vorgesehenen Maße und Oberflächenanforderungen eingehalten werden.
 
Besonders relevant sind:

  • Durchmesser
  • Rundheit
  • Konizität
  • Oberflächenstruktur
  • Laufspiel

Eine fehlerhafte Zylinderbearbeitung kann beispielsweise zu Problemen bei

  • Kolbenlauf
  • Schmierung
  • Kolbenringabdichtung
  • Ölverbrauch

führen.
 

6. Das richtige Kolbenspiel
Das Laufspiel zwischen Kolben und Zylinder muss innerhalb des konstruktiv vorgesehenen Bereichs liegen.
Ist das Spiel zu klein, kann es bei Betriebstemperatur zu einem Fressvorgang kommen.
 
Möglicher Schadensablauf:
 
zu geringes Kolbenspiel
thermische Ausdehnung
Kontakt zwischen Kolben und Zylinder
Fressspuren
Kolbenklemmer
Kolbenfresser

Ist das Spiel dagegen zu groß, können unter anderem

  • Geräusche
  • erhöhter Ölverbrauch
  • Blow-by
  • verstärkter Verschleiß

auftreten.

Die Vermessung des Kolbens und der Zylinder ist deshalb ein wichtiger Bestandteil der technischen Bewertung.
 
 
7. Kurbelwelle und Lagerung
Die Kurbelwelle ist eines der zentralen Bauteile des Motors.
Bei einer Überholung muss geprüft werden, ob die Lagerzapfen innerhalb der vorgesehenen Toleranzen liegen.
 
Bei einer Bearbeitung der Kurbelwelle ist beispielsweise relevant:

  • Durchmesser
  • Rundheit
  • Oberflächenzustand
  • Maßhaltigkeit
  • Freigängigkeit
  • Position der Ölbohrungen

Werden Lagerzapfen bearbeitet, müssen die dazu passenden Lagerschalen verwendet werden.
Eine falsche Kombination aus Kurbelwellenmaß und Lager kann die vorgesehene Lagerluft verändern.


8. Lagerluft – kleine Abweichung, große Wirkung
Die richtige Lagerluft ist für die Funktion eines Gleitlagers von erheblicher Bedeutung.
Ist die Lagerluft zu gering, kann die Schmierung beeinträchtigt werden.
Ist sie zu groß, kann es zu erhöhtem Ölaustritt an der Lagerstelle und damit zu Veränderungen der Druckverhältnisse kommen.

Ein möglicher Schadensablauf bei einer zu kleinen Lagerluft:

falsche Lagerluft
Schmierfilm wird beeinträchtigt
Reibung steigt
Temperatur steigt
Lager wird beschädigt
Pleuellagerschaden
Kurbelwelle wird beschädigt

Hier kann ein Fehler bei der Motorüberholung unmittelbar mit einem späteren Motorschaden zusammenhängen.
 

9. Die Bedeutung der richtigen Lagerschalen
Lagerschalen können sich hinsichtlich

  • Abmessungen
  • Wandstärke
  • Beschichtung
  • konstruktiver Ausführung

unterscheiden.

Bei bestimmten Motoren können unterschiedliche Lagerklassen oder Maßstufen vorgesehen sein.
 
Deshalb muss geprüft werden:

Welche Lagerschalen wurden verwendet?
 
und:
 
Passen diese zum tatsächlichen Maß der Kurbelwelle?
 
Eine optisch passende Lagerschale ist nicht automatisch technisch die richtige.
 

10. Pleuel und Pleuellager
Auch die Pleuel müssen bei einer Motorüberholung überprüft werden.
Relevant können sein:

  • Pleuelgeometrie
  • Lageraufnahme
  • Pleuelauge
  • Pleuelbolzen
  • Pleueldeckel
  • Schrauben
  • Lagerluft

Bei einer fehlerhaften Montage oder einer nicht eingehaltenen Lagerluft kann ein Pleuellagerschaden entstehen.
Das spätere Schadensbild muss dann mit den bei der Überholung vorgenommenen Arbeiten verglichen werden.
 
 
11. Anzugsdrehmomente und Montageverfahren
Bei der Montage eines Motors müssen zahlreiche Schraubverbindungen nach definierten Verfahren hergestellt werden.
 
Dazu können je nach Konstruktion gehören:

  • bestimmtes Anzugsdrehmoment
  • Drehwinkel
  • definierte Anzugsreihenfolge
  • neue Dehnschrauben
 
Ein nicht eingehaltenes Montageverfahren kann die Funktion eines Bauteils beeinträchtigen.
 
Dies betrifft beispielsweise:

  • Pleuelschrauben
  • Hauptlagerschrauben
  • Zylinderkopfschrauben
  • Schwungradbefestigung
  • Steuertrieb

Bei einem späteren Motorschaden können deshalb auch die verwendeten Schrauben und deren Montagezustand von Interesse sein.
 
 
12. Zylinderkopf und Ventiltrieb
Eine Motorüberholung kann auch eine Bearbeitung des Zylinderkopfes umfassen.
Zu prüfen sind beispielsweise:

  • Dichtfläche
  • Ventile
  • Ventilsitze
  • Ventilführungen
  • Nockenwellen
  • Lagerstellen
  • Ventilspiel
  • Steuerzeiten

Fehlerhafte Arbeiten können beispielsweise zu

  • Kompressionsverlust
  • Ventilschäden
  • Überhitzung
  • Ölverbrauch
  • unzureichender Verbrennung

führen.
 

13. Steuerzeiten nach einer Motorüberholung
Werden Steuerkette, Zahnriemen oder andere Komponenten des Steuertriebs erneuert, muss die korrekte Einstellung der Steuerzeiten sichergestellt werden.
Eine fehlerhafte Einstellung kann zu einer erheblichen Beeinträchtigung des Motorbetriebs führen.
Bei bestimmten Motorkonstruktionen kann es zu einer Kollision zwischen Ventil und Kolben kommen.
 
Mögliche Folgen:

  • verbogene Ventile
  • beschädigte Kolben
  • Schäden am Zylinderkopf
  • im Extremfall schwerer  Motorschaden

Bei einem Motorschaden nach einer Motorüberholung ist der Steuertrieb deshalb häufig ein wichtiger Untersuchungsbereich.
 

14. Die Ölversorgung nach einer Motorüberholung
Die Schmierung spielt nach einer Motorüberholung eine besonders wichtige Rolle.
Vor der Inbetriebnahme müssen beispielsweise

  • Ölversorgung
  • Ölfilter
  • Ölpumpe
  • Ölkanäle
  • Ölfüllmenge

berücksichtigt werden.

Nach der Überholung können sich beispielsweise Bearbeitungs- oder Montageverunreinigungen im Motor befinden.
Eine fachgerechte Reinigung und Kontrolle der Ölkanäle ist deshalb von großer Bedeutung.
 
15. Fremdkörper im Ölkreislauf
Metallspäne oder andere Verunreinigungen können während einer Motorüberholung entstehen oder in das System gelangen.
Wenn diese nicht vollständig entfernt werden, können sie später in den Schmierkreislauf gelangen.
 
Mögliche Folgen:
 
Fremdpartikel
Schmierstelle wird beschädigt
Lager-/Bauteilverschleiß
Metallabrieb
weitere Verunreinigung
Folgeschäden

Bei einem Motorschaden kurz nach einer Überholung sollte deshalb auch der Zustand des Ölkreislaufs untersucht werden.
 
 
16. Ölpumpe und Kolbenkühlung
Bei bestimmten Motoren sind die Ölpumpe und die Kolbenkühlung für die zuverlässige Funktion besonders relevant.
Wird die Ölpumpe nicht überprüft oder weist sie bereits Verschleiß auf, kann dies nach der Überholung zu Problemen mit der Ölversorgung führen.
Auch eine fehlerhafte Kolbenkühlung kann die thermische Belastung der Kolben beeinflussen.
Bei einem entsprechenden Schadensbild muss daher untersucht werden, ob diese Systeme ordnungsgemäß funktionieren konnten.
 
 
17. Dichtungen und Montagezustand
Bei einer Motorüberholung werden zahlreiche Dichtungen erneuert.
 
Dabei können Fehler beispielsweise durch

  • falsche Dichtung
  • beschädigte Dichtung
  • falsche Einbaulage
  • nicht eingehaltene  Montagevorgaben
  • Dichtmittelreste

entstehen.

Eine fehlerhafte Abdichtung kann beispielsweise zu

  • Ölverlust
  • Kühlmittelverlust
  • Öl-/Kühlmittelvermischung

führen.

Diese wiederum können Folgeschäden verursachen.
 
 
18. Das Kühlsystem darf nicht vergessen werden
Ein überholter Motor benötigt eine funktionierende Kühlung.

Deshalb sollte je nach Umfang der Arbeiten geprüft werden:

  • Kühler
  • Wasserpumpe
  • Thermostat
  • Kühlmittelleitungen
  • Kühlmittelkreislauf
  • Dichtheit

Ein Defekt im Kühlsystem kann zu einer Überhitzung führen.
 
Die Überhitzung kann wiederum

  • Kolben
  • Zylinderkopf
  • Zylinderkopfdichtung
  • Lager
  • Dichtflächen
 
schädigen.
 
 
19. Einfahrphase nach der Motorüberholung
Nach einer Motorüberholung können besondere Betriebsbedingungen während der ersten Betriebsphase relevant sein.
 
Dabei können beispielsweise

  • Kolbenringe
  • Zylinderlaufbahnen
  • Lager
  • Dichtflächen

einen Einlaufprozess durchlaufen.

Welche Vorgaben dabei gelten, hängt von Motor, Bauteilen und Hersteller- bzw. Instandsetzungskonzept ab.
Für die technische Bewertung eines Schadens kann deshalb relevant sein:
 
Wie wurde der Motor nach der Überholung betrieben?
 

20. Motorschaden bereits nach wenigen Kilometern
Ein Motorschaden unmittelbar nach einer Überholung ist besonders auffällig.
Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die Überholung fehlerhaft war.
Es müssen beispielsweise folgende Fragen untersucht werden:

  • Welche Bauteile wurden überholt?
  • Welche wurden nicht bearbeitet?
  • Welche Teile wurden ersetzt?
  • War der Schaden bereits vor der   Überholung angelegt?
  • Ist der Schaden auf einen bearbeiteten Bereich zurückzuführen?
  • Gibt es Hinweise auf einen  Montagefehler?
  • Gab es einen Bedienungs- oder  Betriebsfehler?
  • Ist ein Fremdkörper vorhanden?
  • Wurde der Motor korrekt befüllt  und gestartet?

Erst diese Gesamtbetrachtung ermöglicht eine belastbare Bewertung.
 
21. Vorschaden oder Fehler der Überholung?
Ein Motor kann vor der Überholung bereits erhebliche Vorschäden aufweisen.
Beispielsweise:

  • Riss
  • Materialermüdung
  • Vorschädigung der Kurbelwelle
  • beschädigtes Pleuel
  • thermische Vorschädigung
  • übermäßiger Verschleiß

Wenn ein solcher Vorschaden bei der Überholung nicht erkannt wird, kann später ein Motorschaden auftreten.Dann muss untersucht werden:
 
War der Vorschaden bei fachgerechter Untersuchung erkennbar und hätte er im Rahmen der Überholung berücksichtigt werden müssen?
 
Diese Frage kann für die technische Bewertung entscheidend sein.
 
 
22. Der Umfang der Überholung ist entscheidend
Nicht jede Motorüberholung umfasst dieselben Arbeiten.
 
Ein Auftrag kann beispielsweise nur
 
„Erneuerung der Kolbenringe“
 
umfassen.
 
Eine andere Werkstatt kann dagegen eine
 
vollständige Motorinstandsetzung
 
durchführen.
 
Deshalb muss immer zunächst geklärt werden:
 
Welcher Leistungsumfang war vereinbart?
 
Erst danach kann beurteilt werden, welche Prüfungen und Arbeiten technisch zu erwarten waren.
 
 
23. Was bedeutet „fachgerecht“?
Bei der sachverständigen Bewertung muss zwischen verschiedenen Aspekten unterschieden werden.
 
Zu betrachten sind beispielsweise:

  • anerkannte technische Regeln
  • Herstellervorgaben
  • technische Dokumentation
  • vorgeschriebene Maße
  • Toleranzen
  • Montageverfahren
  • verwendete Ersatzteile
  • konkrete Aufgabenstellung

Die Frage lautet deshalb nicht nur:
 
„Läuft der Motor?“
 
Sondern:
 
„Entspricht die Ausführung der durchgeführten Arbeiten den technischen Anforderungen an eine fachgerechte Instandsetzung?“
 

24. Welche Unterlagen sind für die Untersuchung wichtig?
Bei einem Streit über eine Motorüberholung sollten möglichst viele Unterlagen gesichert werden.
Besonders hilfreich sind:

  • Auftrag
  • Rechnung
  • Arbeitsbericht
  • Teilelisten
  • Ersatzteilnummern
  • Messprotokolle
  • Fotos
  • Angaben zur Motorbearbeitung
  • Angaben zur  Kurbelwellenbearbeitung
  • Angaben zur Zylinderbearbeitung
  • Herstellerunterlagen
  • technische Daten
  • Öl- und Filterdaten

Auch die Kommunikation zwischen Auftraggeber und Werkstatt kann wichtige Informationen über den vereinbarten Reparaturumfang enthalten.
 
25. Warum Rechnungen allein nicht immer ausreichen
Eine Rechnung kann zwar dokumentieren, welche Positionen berechnet wurden.
 
Sie sagt jedoch nicht zwingend aus, welche technische Arbeit tatsächlich durchgeführt wurde oder welche Arbeitsschritte im Detail vorgenommen wurden.
 
Für die sachverständige Bewertung können deshalb zusätzliche Nachweise erforderlich sein.
 
Beispielsweise:

  • Messprotokolle
  • Maschinenprotokolle
  • Fotos
  • Arbeitsdokumentation
  • Teilekennzeichnungen
 

26. Welche Bauteile sollten bei einem Motorschaden erhalten bleiben?
Bei einem streitigen Schaden sollten die ausgebauten Teile möglichst nicht entsorgt werden.
 
Besonders wichtig können sein:

  • Kolben
  • Kolbenringe
  • Lagerschalen
  • Kurbelwelle
  • Pleuel
  • Zylinderkopf
  • Ventile
  • Steuertrieb
  • Ölpumpe
  • Ölfilter

Diese Bauteile können später wichtige Hinweise auf die Schadensursache liefern.
 
 
27. Beweissicherung vor der Zerlegung
Wenn ein überholter Motor erneut einen schweren Schaden erleidet, sollte möglichst vor einer weiteren Reparatur eine technische Beweissicherung erfolgen.
 
Dabei können beispielsweise dokumentiert werden:

  • Ölstand
  • Ölzustand
  • Kühlmittelstand
  • Fehlerspeicher
  • äußere Schäden
  • Montagezustand
  • Schadensspuren
  • Einbaulage
  • Betriebszustand

Anschließend kann die Zerlegung kontrolliert und dokumentiert erfolgen.
 

28. Beispiel: Pleuellagerschaden nach Motorüberholung
Ein Motor wurde vollständig überholt.
Nach nur wenigen hundert Kilometern tritt ein schwerer Pleuellagerschaden auf.

Bei der Untersuchung werden folgende Befunde festgestellt:

  • starke Fressspuren am Pleuellager
  • Beschädigung des Kurbelwellenzapfens
  • ungewöhnliche Lagerabmessungen
  • Auffälligkeiten an der  Lagerstelle

Jetzt stellen sich beispielsweise folgende Fragen:

  • Welche Lager wurden verwendet?
  • Welche Maße hatte die Kurbelwelle?
  • Wurde die Kurbelwelle bearbeitet?
  • Welche Lagerluft wurde hergestellt?
  • Wurde die Lagerluft tatsächlich  gemessen?
  • Wurden die richtigen  Lagerschalen verwendet?
  • Wurden die Pleuelschrauben korrekt montiert?

Erst die Beantwortung dieser Fragen kann zeigen, ob ein Zusammenhang mit der Motorüberholung besteht.
 
 
29. Beispiel: Kolbenfresser nach Motorüberholung
Ein Motor wird überholt und erhält neue Kolben.
Nach kurzer Laufleistung tritt ein Kolbenfresser auf.
Bei der Untersuchung zeigen sich deutliche Fressspuren.
 
Nun muss beispielsweise untersucht werden:

  • Welches Laufspiel wurdehergestellt?
  • Welche Kolben wurden verwendet?
  • Welche Zylindermaße liegen vor?
  • Wurde die Zylinderbearbeitung  fachgerecht durchgeführt?
  • Ist die Honstruktur korrekt?
  • Gibt es Hinweise auf  Überhitzung?
  • War die Kolbenkühlung funktionsfähig?
  • Gab es Schmierungsprobleme?

Ein Fressschaden allein beantwortet die Frage nach der Ursache nicht.
 
 
30. Beispiel: Motorschaden nach Zylinderkopfüberholung
Ein Zylinderkopf wurde überholt.
Nach kurzer Laufleistung tritt ein Motorschaden auf.
Zu untersuchen sind beispielsweise:

  • Ventilsitze
  • Ventilführungen
  • Ventile
  • Dichtfläche
  • Steuerzeiten
  • Zylinderkopfdichtung
  • Anzugsverfahren
  • Kühlmittelkreislauf

Auch hier muss die technische Wirkungskette zwischen der ausgeführten Arbeit und dem späteren Schaden nachvollziehbar sein.
 
 
31. Ursache – Primärschaden – Folgeschaden
Bei einer Motorüberholung ist diese Unterscheidung besonders wichtig.
 
Beispielsweise:
 
fehlerhafte Lagerluft
Pleuellagerschaden
Kurbelwellenschaden
Pleuelabriss
Beschädigung des Motorblocks

Der am Ende sichtbar zerstörte Motorblock ist dann möglicherweise nur der Folgeschaden.
Die eigentliche Ursache liegt möglicherweise in einem Fehler bei der Instandsetzung.
 

32. Was sollte ein Sachverständigengutachten beantworten?
Bei einem Motorschaden nach einer Motorüberholung können insbesondere folgende Fragen relevant sein:
     
  1. Welcher Motorschaden liegt vor?
  2. Welches Bauteil hat zuerst  versagt?
  3. Wie ist der Schadensmechanismus?
  4. Welche Arbeiten wurden im Rahmen der Überholung durchgeführt?
  5. Welche Bauteile wurden  erneuert?
  6. Welche Bauteile wurden  bearbeitet?
  7. Welche Bauteile wurden nicht  bearbeitet?
  8. Wurden die relevanten Maße und Toleranzen eingehalten?
  9. Wurden geeignete Ersatzteile  verwendet?
  10. War die Montage fachgerecht?
  11. War die Schmierung ausreichend?
  12. War das Kühlsystem  funktionsfähig?
  13. Gibt es Hinweise auf einen  Vorschaden?
  14. Gibt es Hinweise auf einen  Montage- oder Bearbeitungsfehler?
  15. Gibt es Hinweise auf einen  Betriebs- oder Bedienungsfehler?
  16. Welche Schäden sind Primär- und  welche Folgeschäden?
  17. Besteht ein technischer Zusammenhang zwischen Überholung und Motorschaden?
 
 
33. Wie wird die Qualität einer Motorüberholung sachverständig beurteilt?
Die Beurteilung erfolgt nicht allein anhand des Endergebnisses.
 
Vielmehr wird die gesamte technische Kette betrachtet:
 
Ausgangszustand
Demontage
Befundaufnahme
Vermessung
Bearbeitung
Auswahl der Ersatzteile
Montage
Prüfung
Inbetriebnahme
Betrieb
Schadensereignis

Diese Betrachtung ermöglicht es, mögliche Fehlerquellen systematisch einzugrenzen.
 

34. Nicht jeder Schaden nach einer Überholung ist ein Überholungsfehler
Auch nach einer fachgerecht ausgeführten Motorüberholung kann ein Motorschaden auftreten.
 
Mögliche andere Ursachen können beispielsweise sein:

  • neuer, unabhängiger Bauteildefekt
  • Vorschaden an einem nicht  bearbeiteten Bauteil
  • falscher Betriebsstoff
  • Kühlungsproblem
  • Ölmangel
  • Betriebsfehler
  • außergewöhnliche Belastung

Deshalb muss die technische Bewertung immer den konkreten Einzelfall berücksichtigen.
 

Fazit
Ein Motor, der nach einer Überholung erneut einen schweren Schaden erleidet, wirft zahlreiche technische Fragen auf.
Die Tatsache, dass der Schaden nach der Überholung aufgetreten ist, beweist noch keinen Fehler bei der Instandsetzung.
Ebenso kann ein zeitnah nach der Überholung eingetretener Schaden durchaus auf

  • fehlerhafte Vermessung,
  • falsche Bauteile,
  • nicht eingehaltene Toleranzen,
  • fehlerhafte Bearbeitung,
  • Montagefehler,
  • Probleme der Schmierung oder
  • andere Fehler bei der  Instandsetzung

zurückzuführen sein.
 
Für die sachverständige Bewertung ist deshalb die gesamte Prozesskette entscheidend:
 
Ausgangszustand → Befundaufnahme → Vermessung → Bearbeitung → Ersatzteile → Montage → Inbetriebnahme → Betriebsbedingungen → Schadensbild
 
Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen Vorschaden, Primärschaden und Folgeschaden.
 
Die entscheidende Frage lautet daher nicht:
 
„Ist der überholte Motor wieder kaputt?“
 
sondern:
 
„Entspricht die ausgeführte Motorüberholung den technischen Anforderungen und lässt sich der spätere Motorschaden auf einen Fehler der Instandsetzung zurückführen?“
 
Gerade bei Streitigkeiten zwischen Fahrzeughalter, Motoreninstandsetzer, Werkstatt, Händler oder Versicherung kann eine unabhängige sachverständige Untersuchung entscheidend dazu beitragen, die technische Ursache nachvollziehbar zu bestimmen.
 
Sachverständige Untersuchung nach einer Motorüberholung
 
Bei einem Motorschaden nach einer Motorüberholung sollten die beschädigten Bauteile möglichst erhalten und der technische Zustand vor einer erneuten Reparatur dokumentiert werden.
Insbesondere Messwerte, Ersatzteile, Bearbeitungszustände und Montagezustände können für die spätere Ursachenbewertung von erheblicher Bedeutung sein.
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